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ellinor

Ellinor's Litventures

This blog is about my literary adventures in different genres. I like variety in my reading and will read books from most genres but particulary book with some literary merit.

Milchmann von Anna Burns

Milkman - Anna Burns

Was sich anhört wie eine Dystopie, war leider traurige Realität im Nordirland der Siebzigerjahre, der Zeit der größten Unruhen, die heute euphemistisch als "Troubles" bezeichnet werden. Während dieser Unruhen spielt Milchmann. Die falsche Religion, das sind die Protestanten, das Land auf der anderen Seite der See ist England.
Diese Dinge sollte man wissen, bevor man Milchmann liest. Der Stil ist zunächst auch ein wenig gewöhnungsbedürftig, er geht in Richtung Stream of Consciousness. Außerdem verwendet Anna Burns bis auf wenige Ausnahmen keine Namen. Die Erzählerin ist Mittelschwester, es gibt Schwester 1 bis 3, Schwager 1 und Schwager 3, Vielleicht-Freund etc. und natürlich Milchmann. Zudem gibt es ein paar Zeitsprünge, Handlung wird vorweggenommen dafür anderes erst später erzählt.
Mittelschwester wird von Milchmann gestalkt und kommt dadurch ins Gespräch der Leute. Und das ist genau das, was sie nicht möchte, denn für jeden ist das wichtigste, nicht aufzufallen und sich den gesellschaftlichen Zwängen unterzuordnen. Ansonsten wird man schnell zum Denunzianten und das kann unangenehme Folgen haben. Mittelschwester versucht Milchmann zu ignorieren und ihm auszuweichen, muss aber schnell feststellen, dass dies andere und schlimmere Folgen hat, als sie ahnt.
Ich wusste vor der Lektüre dieses Buches nicht viel über die Zustände in Belfast zur damaligen Zeit. Ich denke aber, dass Milchmann in mancher Hinsicht ein durchaus realistisches Bild vermittelt, vor allem der Ängste die viele hatten. Besonders deutlich wird dies am (natürlich übertriebenen) Beispiel der Farbe des Himmels und des Sonnenuntergangs: In Mittelschwesters Französischklasse liest die Lehrerin eine Geschichte vor, in der der Himmel nicht nur blau ist, sondern auch andere Farben hat. Dies wird von den Schülern nicht akzeptiert, da der Himmel nur die Farben blau, grau oder schwarz haben darf. Sie leugnen vehement, dass er während des Sonnenuntergangs die unterschiedlichsten Farbtöne annehmen kann. Dieses Leugnen verrät viel über eine Gesellschaft, in der es nur schwarz und weiß und keine anderen möglichen Optionen gibt.